Ötztaler Radmarathon 2016
 
Groß war die die Freude über die Möglichkeit zur Teilnahme am Ötztaler Radmarathon 2016. Nun hieß es trainieren um sich auf dieses absolute Saisonhighlight vorzubereiten, DEM Höhepunkt der Saison, der wie ein leuchtender Stern im Terminkalender eines Radfahrers prangt. 238 Kilometer über 4 Alpenpässe mit insgesamt 5500 Höhenmetern.
 
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Die Vorbereitung lief gut und dank meines Freundes Alexander Malek vom Endspurt Wuppertal nahm ich, Alexander König vom Schwelmer RSC, an einigen Radmarathons teil, die ich sonst wohl nicht gefahren wäre und so kam es, dass ich mit fast 15000 Km in den Beinen nach Sölden reiste. Alex war schon im letzten Jahr mit am Start gewesen und sollte auch in diesem Jahr mit mir gemeinsam diese Herausforderung in Angriff nehmen.
Nachdem ich den ganzen August auf dem Rad verbracht hatte, da ich eine große Urlaubstour durch Schottland gemacht habe, reiste ich mit nur einem Ruhetag ins Ötztal. Der zweite Ruhetag fiel der Anfahrt zum Opfer, so saß ich zwar nicht auf dem Bike, aber ziemlich lange im Auto. Alex war schon früher angereist und erwartete mich schon in Sölden. Am Samstag hielt mich aber bei wundervollem Wetter nichts mehr davon ab mich eine Runde einzurollen und so fuhr ich hinauf in das kleine Örtchen Vent. Der Rest des Tages wurde für das Vorbereiten des Rades und die mentale Vorbereitung auf den großen Tag genutzt.
Am Morgen des 28.08 war es dann endlich so weit. Voller Vorfreude und bei bestem Wetter standen wir am Start, es war schon warm genug, dass man in kurzer Radbekleidung an den Start gehen konnte. Dann der Startschuss, das Adrenalin schoss in die Blutbahn und das Rennen begann mit der rasenden Abfahrt von Sölden nach Ötz. Bei der Einfahrt in die Steigung nach Kühtai dann plötzlich Stau! Die Masse der Fahrerinnen und Fahrer drängte sich dicht an dicht und kam für einen Augenblick fast zum Stillstand. Höchste Konzentration war gefragt um sich und die Anderen nicht in Sturzgefahr zu bringen bis sich die Situation schließlich etwas entspannte. Nach kurzer Zeit fand ich Alex im Getümmel und wir fuhren den unrhythmischen Anstieg mit seinen 1200 Höhenmetern und den zwischenzeitlich 17 Prozent steilen Passagen gemeinsam hinauf. Besonders beeindruckend finde ich immer die Ruhe in dem riesigen Pulk. Die Fahrerinnen und Fahrer drängen sich dicht an dicht, so dass man sich fast berührt, und trotzdem hört man außer dem Surren der Ketten und dem schweren Atem der Sportler nichts.
 
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Oben angekommen hielten wir kurz inne und stürzten uns dann in die Abfahrt. Dann ging es durch Innsbruck in den Anstieg zum Brenner und ich merkte, dass der Tag mir wirklich gute Beine beschert hatte. Es passte alles und ich fühlte mich wohl, also hielt ich das Tempo hoch und fuhr mit kleinen Gruppen bis in den letzten steileren Teil des Anstieges. Oben an der Verpflegung angekommen hielt ich den Aufenthalt kurz um zügig weiter zu kommen. Hier traf ich Alex zum letzten Mal während des Rennens, da jetzt jeder seinen eigenen Rhythmus finden und fahren musste. Von nun an ging es also solo weiter.
Die Abfahrt vom Brenner nutzte ich zu einer kurzen Regenerationsphase, ich wusste ja, dass der Jaufenpass und das unerbittliche Timmelsjoch noch auf mich warteten. Nach wenigen Minuten erreichte ich Sterzing und fand mich auch schon im Anstieg zum Jaufenpass wieder. Diese Steigung liegt mir sehr, da sie absolut gleichmäßig ist und einem rhythmischen Fahrer wie mir natürlich sehr entgegen kommt. So konnte ich die 1130 Höhenmeter bis zur Passhöhe in gleichmäßigem Tempo gut überwinden. Kurz vor dem höchsten Punkt befand sich die nächste Verpflegung. Ich merkte, dass eine Pause mir gut tun würde und gönnte mir knappe 10 Minuten. Bei Laugenbrötchen und Cola sah ich dem wilden Getümmel zu, während ich die letzten Kräfte sammelte und mental schon beim Timmelsjoch war. Aber nun hieß es zunächst mal volle Konzentration in der gefährlichen Abfahrt, die teilweise mit sehr schlechtem Straßenbelag aufwartet. Die Spannung hoch halten trotz der Ermüdung und ohne unnötiges Risiko nach St. Leonhard hinunter kommen war jetzt das wichtigste Zwischenziel. In der Abfahrt spürte ich schon die Wärme, die im Tal stand. Die Hände fingen langsam an müde vom Bremsen zu werden und das Atmen fiel schwerer als ich die Talsohle erreichte. Hier stand die die Hitze wie in einem Kessel. Und dann die ersten Kurbelumdrehungen in Richtung Timmelsjoch, die Beine mussten sich erst mühsam wieder an die Arbeit gewöhnen. Über 1700 Höhenmeter auf gut 31 Kilometern Strecke warteten noch auf mich, was für eine Herausforderung.
 
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Schließlich fand ich meinen Tritt und kletterte Meter um Meter in Richtung des Ortes Moos und zur letzten großen Verpflegung in Schönau. Diese Passage von St. Leonhard nach Schönau ist für mich persönlich das härteste Stück des Rennens. Der Anstieg verläuft extrem unrhythmisch über zum Teil fast flache Passagen um dann wieder in Serpentinen steil anzusteigen. Zusätzlich machte mir in diesem Jahr die Wärme dort zu schaffen und dann haben die Organisatoren auch noch sarkastischer Weise in der ersten steile Kurve ein Transparent mit der Aufschrift „Na, ausgeträumt?“ aufgehängt. Sehr witzig!
Schließlich brachte ich auch diesen Streckenabschnitt hinter mich und erreichte die Verpflegung in Schönau. Hier öffnet sich der Blick auf die zweite Hälfte des Anstiegs zum Timmelsjoch, der in Serpentinen an der Wand hinauf verläuft bis zum Tunnel vor der Passhöhe. Dieser Teil ist zwar äußerst anspruchsvoll, aber auch sehr gleichmäßig und während andere Fahrer von dem Anblick geschockt schienen, freute ich mich darauf. An diesem Punkt war für mich klar, dass ich es nicht nur ins Ziel schaffen würde, sondern auch noch eine respektable Zeit dabei herausspringen würde. So pausierte ich nur kurz, versorgte mich mit Getränken und nahm die Wand in Angriff. Die Aussicht belohnte für die Strapazen und lenkte mich vom Schmerz ab und so ging es in gleichmäßigem Tritt dem großen Traum entgegen. Die letzte Getränkeverpflegung ließ ich links liegen und erreichte schließlich den Tunnel. Als es unter dem Banner mit der Aufschrift „Nun hast du deinen Traum“ über die Passhöhe ging, wurde es kurz emotional. Doch dann hieß es ein letztes Mal volle Konzentration auf die Abfahrt. Noch den kurzen Gegenanstieg zur Mautstation bezwingen und dann mit den allerletzten Körnern nach Sölden einfahren. Ein unglaubliches Glücksgefühl stellte sich ein als ich die Ziellinie überquerte.
 
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Als ich anschließend den Transponder zurück brachte und das Finisher-Trikot abholte, wurde ich zu meiner Zeit beglückwünscht. Ungläubig ließ ich mir diese am Monitor zeigen, als die Dame sagte, dass ich unter 9 Stunden geblieben sei. Zu Buche stehen unglaubliche 8 Stunden und 58 Minuten. Damit habe ich meine Erwartungen um gut eine Stunde übertroffen. Es dauerte ein paar Tage bis ich das wirklich realisiert hatte.
Auch Alex überstand den Marathon unversehrt und kam eine Stunde nach mir ins Ziel. Meinen Glückwunsch! Am Abend stießen wir dann mit einem leckeren Bier auf unsere erbrachte Leistung und vor allem auf ein unfallfreies Rennen an.
Zu erwähnen bleibt noch, dass das Wetter am frühen Abend kippte und es zu einem heftigen Gewitter mit Starkregen kam, der den auf der Strecke verbliebenen Fahrerinnen und Fahrern enorm zusetzte. Meine Hochachtung an alle, die trotzdem bis ins Ziel gefahren sind. Insgesamt überquerten von den 4176 Starterinnen und Startern am Ende 3726 die Ziellinie in Sölden. Die Siegerzeit von 6 Stunden und 57 Minuten, gefahren von Bernd Hornetz, ist ein neuer Streckenrekord. Er rettete 38 Sekunden vor dem ehemaligen Profi Jörg Ludewig ins Ziel. Die Beiden sind die ersten Fahrer überhaupt, die die magische 7 Stunden Marke unterboten haben. Meinen größten Respekt dafür!
Diese Veranstaltung ist schon etwas ganz Besonderes, insbesondere durch die emotionale Berg- und Talfahrt, die alle Teilnehmer zweifelsfrei durchlaufen. Alle Facetten menschlicher Emotion spiegeln sich in so einem Tag wieder und machen die Teilnahme zu einem unvergesslichen Erlebnis. Für Außenstehende ist es sicherlich schwer nachvollziehbar weshalb man sich solchen Strapazen aussetzt, aber Jede und Jeder, der sich diesem Abenteuer gestellt hat, will wiederkommen. Ich auch…
 

Presse
 
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